Psychostress in der Krippe

 

Psychostress in der Krippe

Krippenplätze für Kleinkinder bis zu drei Jahren sind heiß begehrt. Die Einrichtungen, die die Babys oft schon ab dem Alter von acht Wochen annehmen, sind für berufstätige Eltern ein Segen – für Psychologen eher ein Fluch. Denn die Folgen der Betreuung durch eine Ersatzmama können fatal sein, wenn die Krippen nicht den Anforderungen genügen.

Die Experten verschließen sich aber nicht ganz vor den Vorteilen der Einrichtungen. Gerade für «Kinder mit besonderen Bedürfnissen», wie sie Psychologin Dr. Heidi Simoni vom Marie Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich und Mitglied der Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (GAIMH) bezeichnet, sind sie von großer Bedeutung: Dazu zählen unter anderem Kleinkinder mit Migrationshintergrund.

«Die Krippe ist ein Übergangsort von der Familie zur Umgebungskultur. Das heißt, dass bei den Eltern die Ängste abgebaut werden und den Kindern der Zweitspracherwerb u

nd damit die spätere schulische Integration erleichtert werden», schildert Simoni, die im Rahmen der GAIMH seit Jahren forscht, welche Kriterien die Krippen erfüllen muss, damit die Kinder ohne seelischen Stress aufwachsen.

Die ersten Lebensjahre prägen entscheidend

Und darin liegt das große Problem: In den ersten drei Lebensjahren sucht und macht das kleine Kind Erfahrungen mit seiner Umwelt. Diese prägen nachhaltig sein Selbst- und Weltbild - und, was es denkt und fühlt. Dabei sei es laut Simoni wichtig, eine ständige Bezugsperson zu haben. Im Normalfall sind das die Eltern.

Gibt es aber mehrere, wie beispielsweise die Betreuerin in der Krippe, wird bei den Kindern eine Verlust- und Trennungsangst hervorgerufen, die die Kleinen seelisch unter Stress setzt, sagen die Experten. Je öfter dies passiere, desto größer sei die Gefahr für seelische Störungen wie Depressionen und die damit häufig einhergehenden Probleme wie Aggressivität oder Drogen- und Alk

oholsucht.

Großen Anlass zur Sorge gibt die sogenannte NICHD-Langzeitstudie, die zeigt: Je länger die Kinder von ihren Eltern getrennt sind, umso stärker zeigen sie auffälliges Verhalten.

Mütter stehen unter Druck

Ann Kathrin Scheerer, Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin, geht noch tiefer in das Problem: «Hebammen mit langer Berufserfahrung sagen mir, dass sie noch nie eine Zeit erlebt haben, in der junge Mütter im Wochenbett so sehr unter Druck zu stehen schienen, möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückzukehren», erklärt die Hamburgerin.

«Und so kommt es, dass sich schwangere Frauen bereits um einen Krippenplatz sorgen, bevor sie ihr Kind kennengelernt haben.» Hier erfolge bereits eine Trennung vom Kind, bevor überhaupt eine Bindung zum Baby geknüpft worden ist - was Scheerer für mehr als bedenklich hält.

U

m diese Herausforderungen zu stemmen und den Eltern das Gefühl zu geben, dass ihre Kinder in den Krippen gut aufgehoben sind, haben die Psychologen der GAIMH einen wissenschaftlichen Empfehlungskatalog zusammengestellt. «Die Erzieherinnen müssen über ausreichend Zeit und Fachwissen verfügen, um den individuellen Schlaf-, Ess- und Wachrhythmus des Kleinkindes begleiten, dokumentieren und den Eltern sowie weiteren Bezugspersonen vermitteln zu können», so Simoni.

In der Praxis sieht das so aus: Die Kleinen brauchen eine Bezugsperon, die in kritischen Situationen «verlässlich emotional und mit Blickkontakt verfügbar ist und den Kindern hilft, ihre Bedürfnisse zu regulieren». Denn laut nummerischem Schlüssel braucht ein Kind in den ersten beiden Lebensjahren seine Bezugsperon doppelt so dringend wie ältere Kinder. Das heißt: Für zwei Kleinkinder sollte eine Ersatzmutti zur Verfügung stehen – und das drei Jahre lang. Das fordert eine hohe Personaldecke. Und bedeu

tet auch, dass Krippenplätze nicht ständig gewechselt werden sollten.

So sieht eine gute Krippe aus

Die Ersatzmama muss sich speziell auf die Eingewöhnung des Kindes konzentrieren. «Dabei sollte sie die Ängste der Eltern vor der Trennung, ihre Gefühle der Trauer und Konkurrenz auffangen, sodass die Verfassung des Babys und seine Bedürfnisse ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken können», appelliert Simoni.

Die Gruppe sollte nicht mehr als sechs bis acht Kinder umfassen. Damit die Kleinsten die Umgebung erkunden, sollte der Ablauf vorhersehbar, der Reizpegel gemäßigt und die Räumlichkeiten überschaubar sein, um sich bei Angst oder Frust zurückziehen zu können. Es sollten daher drei miteinander verbundene Gruppenräume sein, in denen konzipiertes Spielen, laute Aktivität, Herumtollen und Rückzug beziehungsweise Schlaf möglich gemacht werden.

Als Vorteil haben sich altersgemischte Gruppen erwiesen, denn bereits ganz kleine Kinder sind an ande

ren Krippenkollegen sehr interessiert und lernen von diesen. Das ist auch gut für die Älteren, denn durch ihre Lehrtätigkeit gewinnen sie soziale Kompetenzen, beispielsweise Verantwortung für andere zu übernehmen.

Doch es gibt weitere Forderungen der GAIMH. Die Gesellschaft empfiehlt zur Sicherung der Qualität die verbindliche Etablierung von speziellen Aufsichtsorganen durch die staatliche Jugendhilfe sowie eine regionale Vernetzung der Krippen untereinander.

Quelle:

News -

Gesundheit News -

Ersatzmama - Psychostress in der Krippe


Tags: Angst | Depressionen | Kinder | Stress |

 

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